von Josefine von Boetticher
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23. Oktober 2022
Diese Woche ist unter uns ein neuer Nachbar eingezogen – oder eigentlich renoviert er nur. Vor diesem Tag hatte ich mich schon eine Weile gesorgt. Denn unser Haus ist sehr hellhörig, wir hören von anderen jede Musik, teilweise Unterhaltungen, Staubsaugen, Schritte, Möbel rücken, Haushaltsgeräte… Ich hatte tatsächlich überlegt, den Nachbarn direkt aufzufordern mit mir zu sprechen, wenn wir zu laut sind. Vielleicht hätte man bestimmte Geräusche zu bestimmten Zeiten herausfinden und reduzieren können. Dazu kam ich gar nicht mehr. Schon gestern kam er hoch, um sich zu beschweren, dass unsere Kinder abends um sechs, sieben durch die Wohnung „gerannt!“ wären und wohl hin und her. Er hat uns in einem sehr ungünstigen Moment erwischt. Wir waren gerade kurz vor Abfahrt zum Bahnhof, von wo aus mein Mann allein mit den Kindern nach Bayern reisen wollte. Alle Kinder eigentlich sehr aufgeregt, standen mit großen Augen an der Wohnungstür und versuchten – jedes mit seinen Möglichkeiten – sich einen Reim auf die sich entwickelnde Situation zu machen. Mein Mann jedenfalls hatte dafür gar keinen Nerv und reagierte direkt abweisend. Ich versuchte zu vermitteln und habe mich sofort sehr schlecht gefühlt. Auf dem Weg zum Bahnhof gab es dann noch eine kleine Argumentation zwischen meinem Mann und mir. Er fand, wir haben überhaupt nichts falsch gemacht und ich ärgerte mich, dass die Situation so unschön abgelaufen war, dass wir jetzt ein Problem haben. Den ganzen Rest des Tages hat mich das so belastet und beschäftigt! Und immer mehr fühlte ich mich schlecht, weil ich die letzten Minuten vor Abfahrt des Zuges mit meiner Familie nicht genießen konnte. Ich meine Kinder nicht aufgefangen habe, sie beruhigt, dass sie nichts falsch gemacht haben. Nicht Schuld sind! Dadurch habe ich ihnen doch indirekt bestätigt, dass ein Fremder das Recht hat über ihr Verhalten zu urteilen, obwohl dieses vollkommen normal ist! Heute früh dachte ich, jemand sollte einen Artikel darüber schreiben: unsere Gesellschaft ist krank! Immer wieder nehme ich diese Ungerechtigkeit Kindern und Eltern mit Kindern gegenüber wahr: wenn Kinder stören, ist ihr Verhalten falsch. Die Verhaltensnorm richtet sich nur nach Bedürfnissen von Erwachsenen (ohne Kinder). Der neue Nachbar fühlte sich vollkommen im Recht uns auf unser Fehlverhalten hinzuweisen. Und das wahrscheinlich noch nicht einmal in böser Absicht. Die Argumente wieviel Geld er jetzt in diese Wohnung investiert hätte und dass er eine ruhige Wohnung braucht, um kreativ arbeiten zu können, sollten dieses Recht untermauern. Er geht aber ganz selbstverständlich davon aus, dass seine Bedürfnisse wichtiger sind, als die meiner Kinder in ihrem zu Hause ganz normal zu leben, sich sicher und geborgen zu fühlen. Ich schäme mich, dass ich es nicht geschafft habe, meine Kinder zu schützen und ihnen zu versichern, dass sie richtig sind. Denn das sind sie! Meine Kinder sind nicht laut, sie sind nicht wild, sie sind großartig. Ich möchte, dass sie Rücksichtnahme lernen. Dass sie aufeinander schauen, aber auch auf andere, dass sie empathisch sind und üben die Perspektive ihres Gegenübers einnehmen… Und ich bin sehr stolz auf sie, wie gut sie das schon machen. Aber das passiert ständig. Wenn sie auf dem Gehweg beim Springen über die Ritzen zwischen den Steinplatten den Gegenverkehr gar nicht bemerken, schütteln die Erwachsenen mindestens den Kopf, ermahnen die Kinder gern aber auch direkt Rücksicht zu nehmen – unabhängig davon, wer eigentlich auf der „richtigen“ Seite läuft. Wenn mein jüngerer Sohn mit dem Einkaufswagen leicht gegen ein Supermarktregal stößt, weil er kaum drüberschauen kann, wird er sofort ermahnt, auch von anderen Kunden, die gar keinen Auftrag haben, den Supermarkt zu überwachen. Dabei will er mir nur helfen. Wenn wir mit den Kindern ins Restaurant gehen, kommt es vor, dass Leute argwöhnisch beobachten welchen Tisch wir ansteuern und sich weiter wegsetzen, sobald wir uns entschieden haben. Meine Kinder sind unfassbar süß und ich finde sehr gut sozialisiert. Sie kennen Supermarkt- und Restaurantbesuche seit sie klein sind. Mir ist schon immer daran gelegen, dass sie nicht stören. Und sie machen ihre Sache wirklich gut. In unserer Gesellschaft gibt es aber überhaupt kein Verständnis dafür, was Kinder können können. Und es fehlt die Akzeptanz, dass Kinder vollkommen normal sind und zum Leben dazu gehören, so wie sie sind. Ihre Bedürfnisse sind genauso wichtig, wie die von allen anderen Menschen. Es sind nicht die Kinder, die sich anpassen müssen, es ist die Gesellschaft. Und ich? Ich bin gefangen zwischen dem Wunsch, nicht aufzufallen und Wut. Ich möchte mich nicht schämen, weil ich Kinder dabei habe. Ich möchte mich aber auch nicht ständig streiten, zumal vor den Kindern. Ich fühle die Verletzung immer noch, die ich als Kind empfand, wenn ich etwas „falsch“ gemacht hatte, die Hilflosigkeit. Es war ja keine Absicht gewesen! Ziemlich genauso geht es mir jetzt auch. Mein größter Fehler wäre es, auf meine Kinder sauer zu sein, weil ich ihretwegen Ärger und Stress bekomme. Meine Güte – wie verrückt – könnte mir das passieren? Welchen Beitrag kann ich leisten, um etwas zu verändern? Wir Eltern sollten aufhören da mitzuspielen! Die Gesellschaft muss lernen Kinder als Menschen mit den gleichen Rechten wahrzunehmen, am besten sogar als Bereicherung. In so einer Millionenstadt wie Berlin können wir nur alle zufrieden wohnen, wenn wir aufeinander Rücksicht nehmen. Das sollte keine Einbahnstraße sein. Mal sehen, wie der Nachbar das aufnimmt… Wir fliegen nächste Woche nach Kreta. Darauf freue ich mich besonders, weil ich dann aufatmen kann. Dort sind meine Kinder willkommen, egal wie viele. Und mehr noch, fremde Leute freuen sich an ihnen! Meine Kinder werden von Fremden angelächelt und das irritiert sie oft so sehr, dass sie gar nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Am Flughafen werden sie an der ewig langen Schlange am Abfertigungsschalter zu high-fives aufgefordert, oder sich auf die Kofferwage zu setzen. Im Supermarkt, als meine große Tochter vor einem Regal mit bunten Ostertüten auf dem Boden hockte, bekam sie von der Verkäuferin einen Schokoriegel geschenkt, statt der von mir befürchteten Ermahnung, den Gang zu räumen. Meine jüngste Tochter geht mit ihren 4 Jahren noch offen auf Fremde zu und versucht Freundschaft zu schließen, selbst mit dem neuen Nachbarn. Wie schön wäre es, wenn sie sich das bewahren könnte. Aber ihre Geschwister haben schon gelernt, dass diese Versuche selten willkommen sind und sie längst eingestellt.