Eigentlich doch ein schöner Begriff – dachte ich als ich ihn im Psychologiestudium das erste Mal hörte. Und eigentlich doch auch eine schöne Vorstellung, dass Menschen in der frühen Kindheit ein Gefühl dafür entwickeln, wem sie trauen können. Das soll die Grundlage für Selbstvertrauen, Vertrauen in andere und das Leben als solches bilden.
Schon im Studium wurde dieses Konzept hauptsächlich daraufhin betrachtet, wie sich ein Mangel auswirken kann.
Die meisten Eltern kennen den Begriff Urvertrauen, empfinden ihn aber oft als angsteinflößend. Ich werde immer wieder von verunsicherten Eltern angesprochen, die sich sorgen, dass das Urvertrauen ihres Kindes Schaden nehmen könnte. Die Sorge allein zeugt für mich schon von hoher Fürsorge und Aufmerksamkeit dem Nachwuchs gegenüber. Die Familien mit denen ich arbeite haben nur in Ausnahmefällen ein nennenswertes Risiko, die Ausbildung des Urvertrauens ihres Kindes zu gefährden.
Tatsächlich wurde dieses Konzept im Bezug auf Extrembedingungen für frühkindliche Entwicklung geprägt und untersucht. In einer Zeit, als noch zu wenig Wissen und Bewusstsein dazu vorlag, mit welchen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit bis ins Erwachsenenalter z.B. Heimaufenthalte verbunden sind.
Kinder, die keine sichere, zuverlässige Bindung zu Bezugspersonen aufbauen können, weil sie nicht in familiären Strukturen aufwachsen, einschneidende Kontaktabbrüche erleben z.B. durch lange unbegleitete Klinikaufenthalte oder durch psychische Erkrankungen der Eltern, haben möglicherweise ein höheres Risiko für Störungen des Urvertrauens und dadurch für spätere Bindungs- und Beziehungsprobleme.
Zu Beginn der Forschung haben führende Wissenschaftler verschiedene Begriffe geprägt für Konzepte, die der heutigen Bedeutung des Urvertrauens ähnlich sind. Es handelt sich dabei, um modellhafte Veranschaulichungen, die uns die Wirklichkeit verständlicher machen sollen. Die Gültigkeit des Konzeptes kann weder eindeutig wiederlegt noch bewiesen werden. Aber heute stimmen Entwicklungspsychologen darin überein, dass in den ersten Lebensjahren die Weichen dafür gestellt werden, ob wir Mitmenschen und der Welt eher vertrauen oder nicht.
Ich habe allerdings manchmal das Gefühl, dass der Begriff Urvertrauen unvorsichtig und zum Teil unsachgemäß verwendet wird. Ein Vater erzählte mir neulich, dass seine Mutter diesen häufiger benutzt, um ihn vor möglichen Schäden an seinen Kindern zu warnen. Wohlmeinende Ermahnungen von Verwandten, Fachleuten, und in den Medien führen bei vielen Eltern aber zu großer Verunsicherung: dürfen sie Grenzen setzen, auch gegen Protest der Kleinsten konsequent bleiben?
Besonders beim Thema Schlaf ist die Angst vor Schädigung des Urvertrauens allgegenwärtiger Begleiter, was Eltern in eine Pattsituation drängt. Sie sind mit ihren Kräften am Ende und alle Reserven aufgebraucht, trauen sich aber nicht irgendetwas zu unternehmen, um nächtliches Dauerstillen, -tragen oder häufiges Aufwachen zu verändern. Eltern sind in großer Sorgen, dieses kostbare, empfindliche Wesen, das ihnen anvertraut wurde zu verletzen.
Ich nehme bei den allerallermeisten Familien, mit denen ich arbeite so viel Engagement, Selbstreflektion und Aufopferungsbereitschaft wahr. Das Wohl der Kinder nimmt ganz klar die oberste Priorität ein. Ich frage mich, ob es diese große Hingabe an den Nachwuchs schon früher gegeben hat. Möglicherweise erklimmt die aktuelle Generation Eltern in dieser Hinsicht den ersten Platz!
Die besten Eltern sind die, die Spaß daran haben! Dafür ist eine Balance zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den eigenen wichtig – und auch erlaubt!
Ich wünsche Eltern ein stärkeres Vertrauen in sich selbst, die Dinge gut zu machen. (Ur-)Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zur Elternschaft! Das tut auch den Kindern gut! Eltern die authentisch, mit Selbstvertrauen, Stärke und Freude eine Bindung zu ihren Kindern eingehen, bauen stabile Grundmauern für das Urvertrauen ihrer Kinder.