von Josefine von Boetticher
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5. Oktober 2022
Babys bauen im 3. Lebensquartal einen ersten kleinen passiven Wortschatz auf. Sie verstehen also ein paar wenige Worte, die häufig in ihrem Alltag vorkommen. So könnt ihr vielleicht beobachten, dass sie zu ihrer Wasserflasche schauen, wenn ihr fragt, ob sie etwas trinken wollen. Im 4. Quartal könnte dann das erste aktive Wort zu hören sein. Manche Kinder beginnen schon mit 9, viele mit 10 Monaten mit dem aktiven Sprachgebrauch. Das bedeutet, sie haben eine Verknüpfung zwischen einer Äußerung und der Bedeutung (Gegenstand oder Handlung) geschaffen und nutzen dieses Wissen zur Kommunikation, indem sie die Äußerung selbst sprechen. Und das mit der Absicht, euch auf etwas aufmerksam zu machen. Das ist also eine wirklich komplexe kognitive Leistung: sie wissen, dass ihr versteht, was sie meinen, wenn sie es sagen und verfolgen damit die Absicht, eine bestimmte Reaktion bei euch auszulösen! Dabei sind immer Themen besonders spannend, die im Alltag häufig vorkommen, die ihren Interessen entsprechen (z.B. Ball, Auto) oder die Beziehungen beschreiben (Mama, Papa). Sie verknüpfen Worte mit Bedeutung, die sie häufig hören und persönlich wichtig finden. Mit dem Sprung der Kategorien sind die Kinder in der Lage, ihr Denken so zu strukturieren, dass sie Informationen zu einem Thema zusammentragen, abspeichern und abrufen können. So erhält die Kategorie Hund z.B. bald Informationen zu Größe, Form, Bewegungen, Fellfarbe aber auch Lauten von Hunden und natürlich dem Wort Hund, wenn es den Begriff bereits ein paar Mal gehört hat. Diese Sturkturierung des Denkens ist eine wichtige Voraussetzung für den Spracherwerb. Spannend ist aber auch, dass die Kinder damit z.B. den Hund auch auf einem Bild im Bilderbuch, einem Foto und als Kuscheltier oder Schleichtier wiedererkennen können. Deshalb macht es vielen Kindern großen Spaß Bücher mit einfachen Abbildungen anzuschauen. Wenn ihr Dinge benennt, dazu vielleicht noch Geräusche oder Bewegungen macht, wird es besonders spannend - und informativ für die Kategorien. Bald finden sie auch Augen und Nasen bei Abbildungen im Buch, Puppen oder Kuscheltieren wieder. Die Äußerungen der Kinder klingen oft ganz anders, als unsere tatsächlichen Worte. Die saubere Aussprache ist dabei aber absolut unwichtig. Das Wort trinken klang bei meinen Kindern sehr verschieden: titi, ninne, kingkom, titte. Wenn das Kind es schafft, durch seine Äußerung zu sagen, was es denkt – also seine eigenen Gedanken an euch zu übermitteln – dann ist das ein revolutionäres Erlebnis! Das bedeutet, dass von nun an Sprache ein Mittel der Kommunikation zwischen euch sein kann. Es sehr wichtig, dass ihr darauf vorbereitet seid und damit rechnet, dass die Laute eures Kindes eine Bedeutung haben. Es wäre schade, wenn ihr in dem Moment die ersten aktiven Sprachversuche eures Kindes nicht bemerkt und nicht beantwortet. Dann lernt es, dass Sprache in eurer Kommunikation keine Rolle spielt. Bislang hat es sich ja auch ohne Sprache verständigt. Es hat viele andere Möglichkeiten, auf sich aufmerksam zu machen und wird das Sprechen vielleicht erst einmal wieder sein lassen. Je mehr ihr aber auf sprachliche Äußerungen eingeht, desto spannender wird es für das Kind, sich damit auseinanderzusetzen. Interpretiert deshalb alle Äußerungen großzügig. Wenn ihr das Gefühl habt, dass ein bestimmter Klang in einer Situation immer wieder verwendet wird, bedeutet er vielleicht etwas. Wiederholt Äußerungen, damit das Kind den Klang aus eurem Mund hört. Fragt zurück, wenn ihr eine Idee habt, was gemeint sein kann. Fühlt euch angesprochen und reagiert freudig, wenn Mama oder Papa erklingt! Oft ist bei Worten die aus Silbenverdopplungen entstehen, der Übergang zum aktiven Wort fließend. Durch eure Reaktion, verknüpft das Kind Bedeutung. Diese muss nicht unserer entsprechen. Mama kann z.B. generell „Führsorgegefühl“ bedeuten und Papa und Essen gleich noch mit einschließen. Kinder lernen immer im sozialen Kontext, ohne gemeinsamen Gesprächsgegenstand, kann ein Wort nicht zugeordnet und verstanden werden. Wenn Eltern miteinander z.B. eine andere Sprache sprechen, als mit dem Kind, lernt es diese nicht, solange es in das Gespräch nicht einbezogen ist. Es gibt viele Spiele, die ihr sehr schön sprachlich unterstützen könnt, z.B. Geben-Nehmen, Kuckuck, auf-zu oder rein-raus. Diese Spiele mit wiederkehrenden Rhythmen passen sehr gut zum Sprung der Abfolgen, den die Kinder mit ca. 10 Monaten absolvieren. Zunächst sind erste aktive Sprachversuche oft auf ein Wort beschränkt. Vielleicht verschwindet dieses sogar wieder und wird von etwas anderem abgelöst, was gerade in den Vordergrund des Interesses gerückt ist. Mit dem ersten Geburtstag sprechen aber manche Kinder schon ein paar wenige Worte, oder beginnen dann so langsam damit. Ein ordentlicher Schub in der aktiven Sprache ist bei den meisten Kindern mit ca 1,5 Jahren zu beobachten. Da werden viele Worte nachgesprochen, neu gelernt und spontan angewandt. Der passive Wortschatz wird dann auch noch einmal enorm erweitert und die Kleinen verstehen wirklich erstaunlich viel. Erkundet die Sprachwelt euer Kinder jeden Tag aufs Neue - das macht riesigen Spaß!